Largo

 

Largo VI CH  (Globi)     W/F/82/CH                                           + 03. Juli 2006

 
 
Ich lernte ihn im Sommer 1996 auf einem Ausritt mit meinem Pflegepony kennen. Er war das einzige mal mit seinem damaligen Besitzer unterwegs und die Beiden waren sich überhaupt nicht einig, wohin sie gehen wollten. Largo wollte nach hause und der Reiter in den Wald. Erst als die beiden meinen geliebten Pretty Boy II erblickten, schlossen sie sich uns an.
Wir gondelten durch den Wald und kamen ins Gespräch. So kam es, dass ich Largo dann näher kennen lernte. Den Besitzer sah ich nach unserem Ritt für lange Zeit nicht mehr. Largo war in einem schlechten Zustand. Sein Nervenkostüm war kaputt. Wurde er doch einfach aus seiner gewohnten Boxenhaltung eines Nachts raus gerissen und in eine bestehende Herde von Ponies und Kleinpferden in die Freiheit gestellt. Das überforderte ihn masslos. Er wurde von den anderen verhauen, bekam kein Futter, um seine Hufe und Gesundheit kümmerte sich auch niemand. Denn das wäre die Aufgabe des Besitzers gewesen, der mit Abwesendheit glänzte. Nicht mal Futter hatte er für sein Tier besorgt.
So konnte und wollte ich Largo nicht sich selbst überlassen. Also besorgte ich Futter und kümmerte mich um ihn. Das mit dem Reiten war def. schwieriger als gedacht. War er doch das, was man als einen krasser Kleber bezeichnete und auch sonst nicht so einfach zu reiten. Die ersten Reitversuche endeten keine 100m weg vom Stall in übelsten Steigattacken. Ich versuchte es mit Ruhe und Geduld. Dann eher energisch und konsequent. Alles endete nur mit dem Versuch weiter als die 100m zu kommen. Und es wurde auch richtig gefährlich, da er sich sogar überschlug.

Erst als er mich richtig sauer machte und ich ihm wirklich eins auf die Hucke gab, lief er über die Strasse und wir konnten weiter bis zur nächsten Wegkreuzung.

Mit der Zeit kamen wir immer weiter. Auch alleine. In der Gruppe ging es deutlich besser.
Auch der Umgang mit ihm war alles andere als angenehm. So hatten wir doch tatsächlich fast 5 Stunden um 2 Hufeisen zu erneuern. Und kaum waren die neu, flogen sie auch schon wieder runter, oder Largo ging lahm. Ein Teufelskreislauf war das...
Da der Besitzer die Stallmiete nie bezahlte und der Hofbesitzer die Miete nicht von mir haben wollte, so lange das Pferd nicht mir gehörte, musste ich einen neuen Stall für Largo suchen.
Das war keine einfache Sache. Waren meinen finanziellen Möglichkeiten doch eher begrenzt und vor alle gab es auch kaum Ställe in unserer Region die eine artgerechte Haltung in der Herde anboten.
In meiner Not fragte ich bei einem alten Rennreiter in Wollishofen im Muggenbühl, ob ich mein Pferd bei ihm unterstellen dürfte. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und garantierte ihm, dass ich für die Kosten aufkommen würde. Zu meinem Erstaunen, nahm er uns bei sich im Stall auf. Er machte mir einen fairen Preis und ich konnte Largo selber versorgen. Hatte eine kleine Ganzjahresweide, wo er auch den ganzen Tag draussen sein konnte. Nur war er alleine. Denn die Pferde des Stallbesitzers durften kaum auf die Weide.
Largo schien es komischerweise erst mal zu gefallen. Er hatte wieder seine Ruhe und wurde von keinem anderen Pferd attackiert. Doch mit der Zeit merkte ich, dass das nicht richtig war. Dass er so vereinsamte und das wollte ich auf keinen Fall.
Largo ging es inzwischen richtig gut. Er war kein gestresstes, hyperaktives bis gestörtes Pferd mehr. Er hat auch gut zugenommen und viel Muskeln aufgebaut. Unser Tierarzt lief sogar mal an ihm vorbei als er zum impfen kommen musste. Als ich ihn zu Largo führte erkannte er ihn erst nicht. Dann kam der Kommentar: Wau! Der ist ja ein richtiges "Schwarzeneggerli" geworden. Der sieht aber gut aus!
Leider gab es noch immer keinen Platz frei in den zwei Ställen die mir gefallen hätten.
Da fand meine damalige Freundin Virginia eine Anzeige in der Tierwelt, dass ein kleiner Offenstall zu vermieten sei. Erst wollten wir das Projekt gemeinsam angehen und unsere beiden Pferde dort unterbringen. Doch sie hatte dann doch andere Pläne. So stellte ich den Stall mit Unterstützung meiner Mutter bereit und wollte einen Pensionsplatz anbieten.
Doch niemand interessierte sich für den Platz. Zu wenig Luxus bot der Stall für den Menschen. fliessendes Wasser gabe es nur, so lange es nicht gefroren war. Strom auch nur für eine Lampe und platzmässig war jeder mm im Stall gut ausgenutzt.
So blieb uns nichts anderes übrig, als ein zweites Pferd zu suchen, denn Largo konnte ja nicht alleine sein.
Gesucht und gefunden. So kam Amadeus zu uns und am 5. Oktober 1997 zogen Largo und Amadeus in den ersten Stall Etzliberg.
Die beiden Pferde verstanden sich zum Glück sehr schnell und waren fast unzertrennlich.
1999 kam noch das Pony Lord dazu, welches zuerst von Largo heftigst attackiert wurde. Später aber waren die Beiden unzertrennlich.
Largo konnte inzwischen auch von Anderen geritten werden. Es ging ihm körperlich und psychisch richtig gut. Sogar im Dressursport durften wir ein paar richtig schöne Erfolge feiern. Wer hätte das mal gedacht...
Im Dezember 2000 zogen die ersten drei Etzliberger in die neue Scheune um. Dieser Umzug war überhaupt kein Problem mehr für Largo das Gewohnheitstierchen. Waren es doch gerade mal 200m Luftlinie zum neuen Stall. Und der Stall bot auch mehr Platz für Mensch und Tier. Auch der Einzug von weiteren Bewohnern machte ihm später nicht zu schaffen. Er fühlte sich einfach rundum wohl und zuhause.
Bis 2005 verbrachten wir unbeschwerte Jahre und waren ein tolles Team. Largo war mein Herzenspferd. Eine solche Beziehung zu einem Pferd erlebt man höchstens einmal in seinem Leben. Die Verbindung zwischen uns war schon fast zu eng. Denn wenn ich mal ein paar Tage nicht da war, liess er den Kopf hängen und trat in Hungerstreik. Niemand durfte ihm zu nahe kommen und erst recht konnte niemand mit ihm umgehen. Machte ihn jemand am Halfter fest, zerriss er es. Wollte jemand mit ihm raus, so sträubte er sich nach 100m wieder genau so wie damals, als ich ihn kennen lernte.
Kaum war ich wieder da. Waren die Probleme wieder verschwunden. Largo litt auch mit mir, wenn es mir nicht gut ging. Und das war in der Zeit leider oft der Fall.
Im Sommer 2005 stand er eines Tages im Auslauf und bewegte sich nicht mehr. Er hatte offene Fesselgelenke was auf einen Sturz hin deutete. Doch wegen dieser Schrammen wäre mein Krieger nicht so ein "Weichei" gewesen. Das war mir sofort klar. Nur was fehlte ihm? Der Tierarzt wusste auch nicht was los war. Doch dann merkte ich, dass er im Ristbereich empfindlich war. Er musste bei dem Sturz mit dem Rist auf einen herumliegenden Baumstamm gefallen sein. Vier Dornfortsätze waren gebrochen. Diese verschoben sich nach einer Woche, da sich Largo hinlegte. Largos Rist verschwand und es sah sehr komisch aus. Doch unser Tierarzt hatte Recht. Nach ein paar Wochen ging es ihm wieder gut und man merkte kaum mehr, was ihm passiert ist. Ausser dass sein Rücken doch sehr speziell und gewöhnungsbedürftig aussah.
Seit 2001 lief Largo brahuf. Seine leicht aufgelaufenen Beine und die Gallen verschwanden schlagartig. Zuerst schüttelte jeder den Kopf ab meinen Ideen. Aber das Ergebnis war schlussendlich überzeugend.
Trotz des Unfalls mit dem gebrochenen Rist ging es Largo wieder richtig gut.
Geritten wurde er schon kurz vor dem Unfall nicht mehr, da die Röntgenbilder arthrotische Veränderungen in den Huf und Krongelenken zeigten. Mein Tierarzt war damals der Meinung man müsste Largo erlösen. Es wäre kein sinnvolles Leben mehr einfach nur als Gnadenbrotpferd herum zu stehen und bespasst zu werden. Er kannte bis zu dem Zeitpunkt unseren Stall aber auch nicht. Als er mal vor Ort war, wusste er dass Largo so ein gutes Leben führen konnte und er verstand mich von dem Moment an immer besser...
Mitte Juni 2006 nahm Largo schlagartig ab. Und zwar wirklich viel! Auch Futter bis zum Umfallen div. Medikamente und Behandlungen konnten nichts mehr ändern. Mein Tierarzt ging von einem Tumor, oder einer sonst ernst zu nehmenden Erkrankung aus. Eine Operation im Tierspital wollte ich Largo mit seinen 24 Jahren nicht zumuten. Zudem meinte mein Tierarzt, dass man zu 98% sowieso nichts mehr hätte für ihn tun können.
Ich versuchte alles in Form von Zusatzfutter, Pflege und guter Betreuung um den Zeitpunkt des Abschiedes noch etwas hinaus zu zögern. Aber es gelang mir nicht.
 
Am 3. Juli 2006 musste ich Largo im Alter von 24 Jahren gehen lassen.
 
Ohne Largo hätte es niemals einen Stall Etzliberg gegeben. Er war der Grundstein. Mein Ein und Alles.

ER WAR MEIN HERZENSPFERD!

Wir haben viel zusammen durchgemacht. Hatten einen verdammt schweren Start so auf uns alleine gestellt. Ich hab unendlich viel von dir und durch dich gelernt. Wir haben zusammengefunden und nach schweren Anfängen hatten wir einige tolle Jahre. Ich glaube es ging dir in deinem Leben davor nie so gut wie in den letzten 8 Jahren.

ICH VERMISSE DICH MEIN GLOBI!!! <3