Soleil - unser "Mutzli"

Soleil,
der kleine Bruder von
Lou, kam mit stark
verkrümmten Beinen zur
Welt. Aus diesem Grund
war ursprünglich
vorgesehen, ihn gar
nicht erst
aufzuziehen. Doch der
ältere Herr, bei dem
Soleil geboren wurde,
brachte es nicht übers
Herz. Er rief mich an,
erklärte mir die
Situation und war
sogar bereit, den
Schlachtpreis für das
Fohlen zu bezahlen, um
ihn mir anschliessend
zu schenken.
So kam Soleil zu uns.
Da er als einziges
Fohlen nicht in unsere
Herde nach Frankreich
passte, hatten wir
grosses Glück, dass
Freunde von uns
mehrere Fohlen zur
Aufzucht bei sich
hatten. Dort durfte
Soleil seine ersten
drei Lebensjahre
verbringen. Er wurde
sogar von einer Stute
adoptiert, die kurz
zuvor ihr eigenes
Fohlen verloren hatte.
Kurz vor seinem
dritten Geburtstag
erkrankte Soleil an Piroplasmose,
einer durch Zecken
übertragenen
Erkrankung, die zu
einer schweren
Blutarmut führt und
unbehandelt oft
tödlich endet. Zum
Glück wurde die
Krankheit gerade noch
rechtzeitig erkannt.
Leider war Soleil als
Jungpferd ein
richtiger Lausebengel.
Eigentlich hätte er
täglich Antibiotika
gespritzt bekommen
sollen – daran war
jedoch nicht zu
denken. Deshalb
erhielt er das
Medikament als Pulver
über das Futter.
Dieses verursachte
jedoch massive
Magenprobleme. Soleil
nahm stark ab und sein
Allgemeinzustand
verschlechterte sich
zusehends.
Als ich ihn
schliesslich in die
Schweiz in den
Etzliberg holte,
führte unser erster
Weg direkt ins
Tierspital.
Dort wurden die
verschiedensten
Diagnosen in Betracht
gezogen – sogar
Lymphdrüsenkrebs stand
im Raum. Ich bestand
auf eine Biopsie.
Das Ergebnis
überraschte alle: Fettgewebsnekrose
– eine Erkrankung, die
bei Pferden praktisch
nicht beschrieben ist.
Eines war jedoch
eindeutig: Trotz
viermaliger Entwurmung
pro Jahr war Soleil
massiv verwurmt.
Wir gingen dieses
Problem konsequent an,
behandelten seinen
Magen und passten die
gesamte Fütterung an.
Schon nach kurzer Zeit
begann sich sein
Gesundheitszustand
deutlich zu
verbessern.
Eines Tages rief sie mich völlig aufgeregt an.
„Rate mal, was Soleil kann!“
Ich antwortete trocken: „Liegt er schon auf dem Rücken und gibt Hufe?“
"Neeein! Noch viel besser!“
In diesem Moment wusste ich sofort, was passiert war.
„Du sitzt auf seinem Rücken???.“
Also fragte ich: „Wo sind Helm und Rückenprotektor?“
„Ähm…“
„Runter von dem Pferd! Ich komme sofort in den Stall. Dann machen wir das richtig.“
Sidonie war tatsächlich kurzerhand auf Soleil gestiegen, weil er zufällig neben einer Tonne stand. Ohne Halfter, ohne Zaumzeug und ohne jegliche Schutzausrüstung. Das hätte böse ausgehen können. Zum Glück verlief alles gut.
So wurde die kleine, leichte Sidonie in den ersten Wochen tatsächlich Soleil's erste Reiterin.
Soleil entwickelte sich zu einem wunderschönen Hengst.
Doch einige Jahre später geriet sein Leben erneut in grosse Gefahr.
Während meiner Ferien entschied eine Pferdepflegerin – ohne mein Wissen –, Soleil auf Barhuf umzustellen. Diese Umstellung misslang völlig. Als ich zurückkam, lud ich ihn sofort auf den Anhänger und fuhr in die Klinik Moosweid, um seine Hufe röntgen zu lassen.
Die Diagnose traf mich wie ein Schlag: Schwere Hufbeinsenkung.
Der leitende Tierarzt war überzeugt, dass man Soleil erlösen müsse.
Noch vor Ort bastelte ich ihm provisorische Krankenschuhe, führte ihn dem Tierarzt erneut vor und fragte: „Sind Sie wirklich sicher, dass ich das nicht mehr hinbekomme?“
Er war überzeugt davon.
Ich hingegen war unsicher.
Da Soleil mit den provisorischen Schuhen erstaunlich gut lief, erlaubte mir der Tierarzt, ihn mit nach Hause zu nehmen. Er blieb allerdings bei seiner Einschätzung, dass ich mich wohl innerhalb weniger Tage von ihm verabschieden müsse.
Das Thema Hufgesundheit beschäftigte mich zu dieser Zeit bereits seit vielen Jahren intensiv.
Ich kontaktierte einen echten Hufspezialisten. Seine Erklärungen machten mir Hoffnung. Gemeinsam entwickelten wir einen klaren Behandlungsplan und ich setzte mir ein klares Ziel:
Soleil musste sich innerhalb kurzer Zeit sichtbar besser fühlen, und spätestens nach vier Wochen musste sich dies auch im Kontrollröntgen zeigen.
Genau das geschah.
Vier Wochen später war bereits eine deutliche Verbesserung sichtbar.
Nach sechs Monaten war die Hufbeinsenkung im Röntgenbild nicht einmal mehr nachweisbar.
Soleil war dem Tod erneut von der Schippe gesprungen.
In der Nacht vor Halloween 2017 waren Andrea und ich bis kurz vor 23 Uhr im Stall. Wir standen keine drei Meter von Soleil entfernt und unterhielten uns. Er wirkte völlig gesund und mümmelte Heu.
Einige Stunden später, um drei Uhr morgens, klingelte mein Telefon. Schon am Klingelton wusste ich, dass Andrea anrief.
Um diese Uhrzeit konnte das nichts Gutes bedeuten.
„Martina, schau bitte sofort auf die Kamera. Mit Soleil stimmt etwas überhaupt nicht.“
Ein Blick genügte. Absoluter Notfall. Soleil hatte eine schwere Kolik.
Gemeinsam mit meiner Mutter fuhr ich sofort in den Stall und machte den Anhänger bereit. Kurz darauf traf auch Andrea ein.
Ich wollte unbedingt Lou mit ins Tierspital nehmen.
Irgendetwas sagte mir, dass Soleil diese Nacht vermutlich nicht überleben würde. Und falls er doch "nur" operiert werden müsste, sollte Lou als vertrauter Begleiter bei ihm sein. Soleil stand noch nie in seinem Leben in einer geschlossenen Boxe eingesperrt. Da würde ihm Lou sicher eine grosse Stütze an seiner Seite sein.
Sollte Soleil sterben, wollte ich unbedingt, dass Lou sich von seinem Bruder verabschieden konnte. Die beiden waren unzertrennlich.
Leider
bestätigte sich unsere
schlimmste
Befürchtung.
Im Tierspital stellte
sich heraus, dass
Soleil einen beinahe
fussballgrossen,
bösartigen Tumor im
Bauchraum hatte. Der
Darm hatte sich darum
gewickelt, und bereits
fünf Meter Darm waren
abgestorben.
Wir konnten es nicht
fassen. Nur drei oder
vier Stunden zuvor
hatten wir noch neben
ihm gestanden, und
alles schien
vollkommen in Ordnung.
Soleil wurde nur 16
Jahre alt.
Mit
seinem Tod wurde es
plötzlich still im dem
Etzliberg.
Der kleine Clown, der
immer irgendeinen
Unsinn im Kopf hatte,
fehlte von einem Tag
auf den anderen.
Soleil war ein Kämpfer. Zweimal hatte er sich zurück ins Leben gekämpft, wenn kaum noch jemand an ihn glaubte. Umso schwerer war es zu akzeptieren, dass wir ihm beim dritten Mal nicht mehr helfen konnten.
Er hinterliess eine grosse Lücke – und wird für immer einen festen Platz in unseren Herzen haben.