Lou - vom wilden Franzosen zum Verlasspferd


Lou wurde in Frankreich vom Haras National gezüchtet. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er bei einem älteren Herrn, der jedes Jahr Stuten mit ihren Fohlen vom Nationalgestüt zur Aufzucht übernahm.
Die Pferde lebten dort in einer grossen Herde in einem abgelegenen Tal und führten fast ein Wildpferdeleben. Sie wurden mit Heu und Stroh versorgt, ansonsten aber weitgehend sich selbst überlassen. Entsprechend kannte Lou weder Halfter noch Hufe geben und hatte kaum Kontakt zu Menschen.
Wie seine Altersgenossen wurde er jährlich an der Auktion vorgestellt. "Vorgestellt" ist allerdings etwas übertrieben – die jungen Pferde wurden eher durch den Ring gejagt, damit sich die Käufer ein Bild machen konnten. Lou hatte Pech, oder schlussendlich doch eher Glück dass man für ihn keinen Käufer fand.
Nach der für ihn letzten Auktion 2002 fuhren mehrere Lastwagen mit italienischen Nummernschildern vor. Schnell wurde klar, was das bedeutete: Die nicht verkauften dreieinhalbjährigen Pferde sollten nach Süditalien transportiert und dort geschlachtet werden. Damals wurden solche Transporte durch EU-Subventionen sogar finanziell unterstützt.
Es brauchte einiges an Verhandlungsgeschick – und wohl auch etwas Bier und Wein –, bis unsere Männer Kaufverträge für insgesamt fünf Pferde auf Servietten ausgehandelt hatten.
Eines davon war Lou – ein kleiner, fast schwarzer Franzosenhengst der zuvor auf dem Auktionsareal ausgebüxt war und sich nicht mehr einfangen liess. Ich half ihn wieder in den LKW zu bekommen, weil ich merkt dass die lauten Männer ihn nur in Panik versetzten.
Eine Woche später wurde er zu Freunden von mir in die Bresse gebracht. Da er noch Hengst war, konnte er nicht einfach bei Michel untergebracht werden. Lou wurde sicherheitshalber auf dem Reitplatz ausgeladen und hatte zunächst nur Sichtkontakt zu den anderen Pferden.
Rudi und Monika versuchten, sich ihm zu nähern. Doch Lou interessierte sich überhaupt nicht für Zweibeiner. Zum Glück hatte Lou im LKW ein Halfter anlegt bekommen. Einen Strick daran zu befestigen oder ihn auf eine Weide führen war gar undenkbar.
Also war schnell klar: Ich musste blitzartig Kontingent und Importpapiere besorgen und nach Frankreich fahren.

Nach zwei Tagen liess Lou sich zum ersten Mal streicheln. Nach dre Tagen konnte ich ihn bereits ein wenig über den Platz führen. Am fünften Tag wollte ich ihm ganz in Ruhe den Pferdeanhänger zeigen. Doch plötzlich stieg Lou einfach ein.
Kurzerhand rief ich der mitgefahrenen Kollegin und packte unsere Sachen damit wir uns auf den Heimweg Richtung Zürich machen konnten.
Zuhause warteten bereits einige neugierige Zuschauer. Nicht schlecht staunte meine Mama, als ich mit dem Anhänger direkt in den Auslauf fuhr und als Erstes den Elektrozaun um 50 Zentimeter erhöhte. ;-)
"Was hast du denn da für ein Teufelstier mitgebracht?"
Kein Teufel – sondern ein junges Pferd, das den Umgang mit Menschen schlicht nie gelernt hatte. Damals durfte Lou den Auslauf auf keinen Fall verlassen, denn ein Einfangen wäre wohl kaum möglich gewesen.
Lou überraschte mich total. Bereits nach wenigen Tagen liessen sich seine Hufe bearbeiten, der erste Tierarztbesuch verlief problemlos und auch die ersten Spaziergänge meisterte er souverän. Er erwies sich als äusserst lernwilliges Jungpferd und merkte, dass der Kontakt zum Menschen eigentlich ganz ok war.

Im ersten Jahr begleitete er mich auf Spaziergängen, lief als Handpferd bei Ausritten mit, wurde longiert und gewöhnte sich an Sattel und Ausrüstung – zunächst natürlich noch ohne Reiter.
Das eigentliche Anreiten verlief allerdings etwas anders als gewohnt. Lou stand zwar ruhig da und liess mich aufsteigen. Doch sobald er sich bewegen sollte und bemerkte, dass da tatsächlich jemand auf seinem Rücken sass, wollte er den "Puma auf seinem Rücken" um jeden Preis wieder loswerden. Verliess ich seinen Rücken nicht freiwillig, landeten wir irgendwann beide gemeinsam auf dem Boden. Lou tobte so lange, bis ihm selbst die Kraft ausging.
Es brauchte viel Geduld und Einfühlungsvermögen, bis er verstand, dass dieser "Puma (ich)" auch auf seinem Rücken gar keine Gefahr war. Aber schliesslich schaffte er auch das – und entwickelte sich zu einem absoluten Verlasspferd.
Einige Jahre hatte Lou eine Mitreiterin, mit der er viel erlebte. Leider wuchs ihr Ehrgeiz schneller als ihre reiterlichen Fähigkeiten. Ungeduld und Missverständnisse beschädigten schliesslich das Vertrauen zwischen den beiden so sehr, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich war.
Also begann ich nochmals ganz von vorne. Ich baute Lous Vertrauen in den Menschen und in den Reiter Schritt für Schritt wieder auf und bildete ihn sorgfältig weiter aus.
Heute ist Lou ein vielseitiges Freizeitpferd. Er trägt Kinder genauso zuverlässig wie Erwachsene, war als Führpferd und Gymkhanapferd im Einsatz und macht auch bei etwas Dressur oder Springen gerne mit. Am allerliebsten streift er jedoch gemütlich durch die Wälder oder nimmt seine Menschen zu Fuss mit auf ausgedehnte Fresstouren. :-)
Sein Charakter ist einfach Gold wert. Deshalb kann ich ihn problemlos neben dem Elektrorollstuhl durch den Wald führen oder einem Mädchen im Rollstuhl das Reiten auf ihm ermöglichen.
Lou übernimmt gerne Verantwortung für seinen Menschen und passt auf ihn auf. Schwächen oder Unsicherheiten nutzt er dabei niemals aus.
Hat ein Mensch jedoch das Gefühl, er könne Lou einfach bestimmen, wo es langgeht, hinterfragt Lou das sehr genau. Nur eine klare, faire und überzeugende Führung akzeptiert er. Fehlt diese, trifft er seine Entscheidungen lieber selbst.

Seinen Herzensmenschen hat Lou inzwischen ebenfalls gefunden. Andrea ist seit über einem Jahrzent seine liebevolle Reiterin und Tüddeltante. Sie begleitet ihn durch dick und dünn. Und manchmal auch umgekehrt ;-)
Auch sie begann mit Lou noch einmal ganz von vorne. Sie wusste um seine Vergangenheit und wollte nichts überstürzen. Mit viel Geduld, Vertrauen und gegenseitigem Respekt sind die beiden zu einem wunderbar eingespielten Team geworden – einem echten Dream-Team.

Ich wünschen den beiden noch viele gemeinsame Jahre voller schöner Erlebnisse. Es ist einfach toll, ein so harmonisches Mensch-Pferd-Team im Stall zu haben.

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