Largo - mein verrücktes Herzenspferd. Mein "Globi"

Ich lernte Largo im Sommer 1996 auf einem Ausritt mit meinem Pflegepony kennen. Es war das einzige Mal, dass er mit seinem damaligen Besitzer unterwegs war. Die beiden waren sich überhaupt nicht einig, wohin sie gehen wollten. Largo wollte nach Hause, sein Reiter in den Wald. Erst als sie meinen geliebten Pretty Boy II entdeckten, schlossen sie sich uns an.
Wir ritten gemeinsam durch den Wald und kamen ins Gespräch. So lernte ich Largo näher kennen. Seinen Besitzer sah ich nach diesem Ausritt lange Zeit nicht mehr.
Largo war damals in einem erbärmlichen Zustand. Sein Nervenkostüm war völlig zerstört. Er war eines Nachts einfach aus seiner gewohnten Boxenhaltung gerissen und ohne Eingewöhnung in eine bestehende Herde aus Ponys und Kleinpferden auf eine Wiese gestellt worden. Diese Umstellung überforderte ihn völlig.
Er wurde von den anderen Pferden verprügelt, bekam kein Futter und niemand kümmerte sich um ihn, seine Hufe oder seine Gesundheit. Das wäre die Aufgabe seines Besitzers gewesen – doch der glänzte durch Abwesenheit. Nicht einmal Futter stellte er für sein eigenes Pferd zur Verfügung.
Ich konnte und wollte Largo nicht sich selbst überlassen. Also besorgte ich mit meiner Mama Futter wir begannen, uns um ihn zu kümmern.
Mit dem Reiten war es allerdings deutlich schwieriger als gedacht. Largo war ein extremer Kleber und alles andere als einfach zu reiten. Die ersten Versuche endeten keine hundert Meter vom Stall entfernt in heftigen Steigattacken. Zuerst versuchte ich es mit Ruhe und Geduld, später mit mehr Konsequenz. Doch alles drehte sich immer nur darum, überhaupt weiter als diese hundert Meter zu kommen. Es wurde sogar richtig gefährlich, denn er überschlug sich auch beim Steigen. Dass er sich dadurch selber in höchste Gefahr bracht, war ihm egal.
Es dauerte mehrere Tage und einige Stunden Übung, bis wir die erste "magische Kreuzung" überwinden konnten. Doch schon bei der Nächsten begann das Theater von neuem. Nur in Begleitung andere Pferde war ein Ausritt möglich.
Mit der Zeit wurden aber auch unsere alleinigen Ausritte immer länger.
Nicht nur beim Reiten war Largo eine Herausforderung. Auch der Hufschmied hatte es mit ihm alles andere als leicht. Einmal brauchten wir fast fünf Stunden, um gerade einmal zwei Hufeisen zu erneuern. Kaum waren sie drauf, verlor er sie wieder oder lief lahm. Es war ein endloser Teufelskreis.
Da sein Besitzer die Stallmiete nie bezahlte und der Hofbesitzer das Geld nicht von mir annehmen wollte, solange Largo rechtlich nicht mir gehörte, musste ich mich nach einem neuen Stall umsehen.
Das war alles andere als einfach. Meine finanziellen Möglichkeiten waren begrenzt, und artgerechte Offenställe oder Herdenhaltung gab es in unserer Region damals kaum.
In meiner Not fragte ich einen ehemaligen Rennreiter in Wollishofen im Muggenbühl, ob ich Largo bei ihm unterbringen dürfte. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und versprach, sämtliche Kosten zu übernehmen. Zu meiner grossen Überraschung erklärte er sich bereit, uns aufzunehmen. Er machte mir einen fairen Preis und ich durfte Largo selbst versorgen. Er hatte eine kleine Ganzjahresweide, auf der er tagsüber draussen sein konnte. Allerdings war er dort allein, denn die Pferde des Stallbesitzers kamen kaum raus.
Anfangs schien ihm das sogar zu gefallen. Endlich hatte er seine Ruhe und wurde von keinem anderen Pferd mehr angegriffen. Doch mit der Zeit wurde mir bewusst, dass auch das keine Dauerlösung war. Er vereinsamte – und genau das wollte ich auf keinen Fall.
Inzwischen ging es Largo wieder richtig gut. Aus dem gestressten, hyperaktiven und völlig überforderten Pferd war ein ausgeglichener Partner geworden. Er hatte gut zugenommen und kräftig Muskeln aufgebaut. Unser Tierarzt lief sogar einmal an ihm vorbei, als er zum Impfen kam. Erst als ich ihn direkt zu Largo führte, erkannte er ihn wieder. Sein Kommentar werde ich nie vergessen:
"Wow! Der ist ja ein richtiges Schwarzeneggerli geworden. Der sieht aber gut aus!"
Leider wurde in den beiden Ställen, die ich mir für Largo hätte vorstellen können, noch immer kein Platz frei.
Eines Tages entdeckte meine damalige Freundin Virginia in der Tierwelt ein Inserat für einen kleinen Offenstall. Zuerst wollten wir das Projekt gemeinsam angehen und unsere beiden Pferde dort unterbringen. Doch sie entschied sich später anders.
Also richtete ich den Stall mit der Unterstützung meiner Mutter selbst her und plante, einen Pensionsplatz anzubieten. Doch niemand interessierte sich dafür. Für die Menschen bot der Stall schlicht zu wenig Luxus. Fliessendes Wasser gab es im Winter keines, da die Leitung eingefroren wäre. Strom reichte gerade für eine Lampe, und jeder Quadratmeter war optimal ausgenutzt.
Uns blieb also nichts anderes übrig, als ein zweites Pferd zu suchen. Largo sollte auf keinen Fall alleine bleiben.
Gesucht – und gefunden.
So kam Amadeus zu uns, und am 5. Oktober 1997 zogen Largo und Amadeus in den ersten Stall in der Rüti ein.
Die beiden verstanden sich zum Glück vom ersten Moment an und wurden fast unzertrennlich.
1999 kam noch das Pony Lord dazu. Anfangs wurde es von Largo heftig attackiert, doch später waren auch diese beiden ein Herz und eine Seele.
Mittlerweile konnte Largo auch von anderen Menschen geritten werden. Körperlich und psychisch ging es ihm hervorragend. Sogar im Dressursport durften wir einige wunderschöne Erfolge feiern. Wer hätte das damals gedacht?
Im Dezember 2000 zog mein "Trio" in die neue Scheune, den Stall Etzliberg um. Dieser Umzug war für Largo, unser Gewohnheitstier, überhaupt kein Problem mehr. nach dem er mit seinen Kollegen schon während der Bauphase immer mal wieder vor Ort war. Schliesslich lag der neue Stall nur rund 200 Meter Luftlinie entfernt. Dort hatten Mensch und Tier deutlich mehr Platz, und auch der Einzug weiterer Pferde machte ihm später nichts mehr aus. Er fühlte sich einfach zuhause.
Bis 2005 verbrachten wir unbeschwerte Jahre und bildeten ein unglaublich starkes Team.
Largo war mein Herzenspferd.
Eine solche Beziehung erlebt man vermutlich nur einmal im Leben. Die Verbindung zwischen uns war fast schon zu eng. War ich ein paar Tage nicht da, liess er den Kopf hängen und trat in Hungerstreik. Niemand durfte ihm zu nahe kommen. Machte ihn jemand am Halfter fest, riss er es kaputt. Wollte jemand mit ihm spazieren gehen oder reiten, verweigerte er sich nach hundert Metern genau wie damals, als ich ihn kennengelernt hatte.
Sobald ich zurück war, waren alle Probleme verschwunden.
Und wenn es mir schlecht ging – was damals leider oft vorkam –, litt Largo mit mir.
Im Sommer 2005 stand er eines Tages regungslos im Auslauf. Er hatte offene Fesselgelenke, was auf einen Sturz hindeutete. Doch wegen solcher Schürfwunden hätte mein Kämpfer niemals einfach aufgegeben. Irgendetwas musste passiert sein. Auch unser Tierarzt wusste zunächst nicht, was ihm fehlte. Erst als ich bemerkte, dass Largo im Bereich des Ristes sehr empfindlich war, wurde die Ursache klar. Er musste bei seinem Sturz mit dem Widerrist auf einen Baumstamm gefallen sein. Vier Dornfortsätze waren gebrochen.
Eine Woche später verschoben sich die Bruchstellen, als er sich hinlegte. Sein Widerrist verschwand förmlich und sein Rücken sah plötzlich völlig verändert aus.
Zum Glück behielt unser Tierarzt recht. Nach einigen Wochen ging es Largo wieder erstaunlich gut. Man merkte ihm den Unfall kaum noch an – ausser an seinem etwas ungewöhnlich aussehenden Rücken.
Seit 2001 lief Largo übrigens barhuf. Seine leicht angelaufenen Beine und die Gallen verschwanden praktisch über Nacht. Anfangs schüttelten viele über diese Entscheidung den Kopf. Das Ergebnis sprach jedoch für sich.
Trotz des schweren Unfalls erholte sich Largo wieder vollständig.
Geritten wurde er allerdings schon einige Monate vor dem Unfall nicht mehr.
Als er später bei uns war und sah wie Largo bei uns leben durfte, verstand er meine Entscheidung. Er meinte, eine solch gute Haltung wäre heute kaum irgend wo zu finden. Und ein Pferd was nicht richtig bewegt werden kann, nur in der Box rumstehen lassen, das sei kein artgerechtes Leben.
Nach 2 Wochen Entzündungshemmer lief Largo, ohne körperliche Belastung wieder richtig gut. Wir gingen spazieren und nahmen ihn an der Hand mit auf Ausritte.
Mitte Juni 2006 nahm Largo plötzlich massiv ab. Trotz Unmengen an Futter, verschiedenster Zusatzmittel, Medikamente und Behandlungen wurde es nicht besser. Unser Tierarzt vermutete einen Tumor oder eine andere schwere Erkrankung. Eine Operation im Tierspital wollte ich meinem inzwischen 24-jährigen Pferd nicht mehr zumuten. Zudem war unser Tierarzt überzeugt, dass man selbst dort mit grosser Wahrscheinlichkeit nichts mehr hätte tun können.
Ich versuchte alles, um ihm noch etwas Zeit zu schenken – mit bestem Futter, liebevoller Pflege und ganz viel Zuwendung.
Doch ich konnte den Abschied nicht mehr aufhalten.
Ohne
Largo hätte es den Stall Etzliberg
niemals gegeben.
Er war der Grundstein. Mein Ein
und Alles.
Er war mein Herzenspferd.
Wir
haben unendlich viel miteinander
erlebt. Unser gemeinsamer Weg
begann schwierig, und wir waren
auf uns allein gestellt. Ich habe
unendlich viel von dir und durch
dich gelernt. Nach all den
schweren Anfängen haben wir
zusammengefunden und durften viele
wunderschöne Jahre miteinander
verbringen. Du wars mein bester
Lehrmeister!
Ich bin überzeugt, dass es dir in den letzten acht Jahren deines Lebens besser ging als je zuvor.
Ich vermisse dich, mein Globi. Für immer. ❤️