King - der ein Schimmel geworden wäre...




Die Mutter von King verstarb, als er erst wenige Wochen alt war. Die tote Stute lag auf einer Weide in Frankreich, während das kleine Fohlen verzweifelt neben ihr stand und sich die Seele aus dem Leib schrie. Seine damaligen Besitzer wollten King schlachten lassen. Freunde von mir nahmen ihn zu sich und päppelten ihn mit viel Liebe auf, bis er gut drei Jahre alt war. Doch dann wussten sie nicht mehr weiter. Eine Freundin hatte versprochen, ihn auszubilden, zog jedoch plötzlich weit weg und konnte seine Ausbildung doch nicht übernehmen.
So kam King im Dezember 2000 zu uns in den Etzliberg.
Er zeigte sich als williges, lernfreudiges, manchmal aber auch etwas stures Jungpferd. Ausgebildet wurde er ausschliesslich im Gelände. In seinem ganzen Leben stand er zwei mal auf einem Reitplatz.

Als King knapp fünf Jahre alt war, liess eine damalige Reiterin versehentlich die Futterkammer offen. King und Amadeus machten sich sofort daran, sich den Bauch vollzuschlagen. Sie hatten mehrere Stunden Zeit, grosse Mengen Kraftfutter zu fressen.
Zunächst war die Hoffnung gross, dass nichts Schlimmes passieren würde. Die Dame am Telefon des Tierspitals erklärte mir, solange keine Kolikanzeichen vorhanden seien, bestehe kein Grund zur Sorge. Ich solle die Pferde etwas bewegen und einfach beobachten. Ein Besuch in der Klinik sei nicht nötig.
Ich liess mich abwimmeln.
Es war der grösste Fehler meines Lebens.Denn eigentlich wusste ich doch, dass dies nicht der richtige Weg war.
In der Nacht überwachte ich beide Pferde. Sie liessen nur noch die Köpfe hängen und hatten starken Durchfall. Gegen vier Uhr morgens rief ich den Notfalltierarzt, weil auch klare Kolikanzeichen dazu kamen.
Er kam rasch und überwies uns sofort ins Tierspital. Amadeus war sogar noch schlechter dran als King. Ich machte mir unvorstellbare Sorgen.
Im Tierspital wurde ich dann auch noch gefragt, weshalb ich nicht früher gekommen sei.
Das wollte ich doch! Aber man hatte mich am Telefon abgewimmelt!
Amadeus erholte sich erstaunlich schnell und durfte bereits nach zwei Tagen wieder nach Hause.
King hingegen entwickelte eine Hufrehe – eine der schlimmsten Erkrankungen, die ein Pferd treffen kann.
Er wusste kaum noch, wie er stehen sollte, lag sehr viel und hatte starke Schmerzen. Es war Hochsommer und unerträglich heiss. Ich verbrachte täglich viele Stunden bei ihm.
Nach einer gefühlten Ewigkeit durfte auch King endlich nach Hause. Die Prognose war gut. Die Tierärzte waren überzeugt, dass er wieder vollständig gesund werde.
Zu Hause musste er zunächst allein stehen, damit er seine Hufverbände nicht beim Spielen zerstörte. Nach drei Wochen begannen wir mit kurzen Spaziergängen. Er lief bereits wieder erstaunlich gut.
Trotzdem war für mich klar, dass er mindestens ein Jahr nicht geritten würde. Ich wollte keinerlei Risiko eingehen. Aus Vorsicht trug er weiterhin Hufverbände. Meine Angst, dass doch noch etwas passieren könnte, begleitete mich jeden Tag.
Eines Tages spazierte unser damaliger Haustierarzt mit seinem Hund an unserem Stall vorbei und fragte, weshalb King Hufverbände trage.
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und bat ihn, in den nächsten Tagen zur Kontrolle vorbeizukommen. Er kam umgehend nach dem Spaziergang.
Kurz bevor er eintraf, hatte ich die Verbände entfernt.
King lief gut. Sehr gut sogar.
Der Tierarzt meinte jedoch, die Hufe seien ihm zu warm. Ich erklärte, dass King bis vor 2 oder 3 Minuten noch Hufverbände getragen habe und die Wärme vermutlich daher komme.
Das überzeugte ihn nicht.
Er wollte King vorsorglich Kortison spritzen, um einer möglichen Entzündung vorzubeugen.
Ich war strikt dagegen.Nicht weil ich es damals besser wusste. Das war nur ein Bauchgefühl. Heute würde wohl keinem Tierarzt mehr in den Sinn kommen, einem Rehepferd Cortison zu spritzen. Ist die Hufrehe doch die gefürchteteste Nebenwirkung von Cortison.
Seit Wochen zeigte mir mein Pferd, dass es ihm täglich besser ging. Doch der Tierarzt redete immer weiter auf meine Mutter und mich ein. Meine Mutter liess sich überzeugen und fragte mich:
„Glaubst du wirklich, dass du es als Laie besser weisst als ein Tierarzt?“ Wir wollen doch, dass alles wieder gut wird.
Schliesslich gab ich nach.
King erhielt die Kortisonspritze.
Es war Freitagabend und der Horror begann!
Nach wenigen Stunden zeigte King, dass es ihm nicht mehr gut ging. Unser Tierarzt war nicht mehr zu erreichen.
Am nächsten Morgen genügte ein Blick in Kings Augen. Ich wusste sofort, dass etwas gar nicht mehr stimmte.
Ich führte ihn aus dem Stall. Er lief wieder total vorsichtig.
Ich rief sofort in der Tierarztpraxis an. Man versprach mir, er werde sich melden.
Er tat es nicht.
Ich terrorisierte die Praxis im 30 Minuen-Takt. Schliesslich nahm gar niemand mehr das Telefon ab. Auch auf dem Notfalltelefon nicht.
Als ich im Tierspital anrief, erklärte man mir, ich müsse durch meinen Haustierarzt überwiesen werden.
Aber wie denn, wenn dieser nicht erreichbar war?
Am Sonntag lag King fast nur noch im Stroh. Ich konnte ihn zwar zum Aufstehen bewegen, doch sobald ich ihn in Ruhe liess, legte er sich wieder hin.
Ich machte Telefonterror. Irgendwann nahm der Tierarzt endlich ab. Ich verlangte, dass er sofort komme.
Er erklärte, es gehe ihm selbst nicht gut und könne nicht kommen.
Also rief ich erneut im Tierspital an. Dort sagte man mir, ich solle am Montagmorgen um acht Uhr vorbeikommen.£
Im Tierspital schilderte ich den Verlauf.
Als ich erwähnte, dass King zwei Tage zuvor Kortison erhalten hatte, wechselten sich die anwesenden Tierärzte erschrocken an.
„Sind Sie sicher? Kortison?“
Ja.
Ich war mir absolut sicher. Meine Mutter ebenfalls.
Nach dem Röntgen stand fest, dass die Rehe zurück war und sich das Hufbein bereits etwas abgesenkt hatte.
Mir blieb die Luft weg. Genau davor hatten wir während der ganzen Behandlung Angst gehabt.
Die Assistenztierärztin bemerkte meine Verzweiflung und versuchte mich zu beruhigen.
„King muss ja kein Sportpferd sein. Das ist noch kein Todesurteil. Jetzt müssen wir einfach verhindern, dass das Hufbein weiter absinkt.“
Diese Worte gaben mir neue Hoffnung.
Ich ging sofort zu King, der gerade vom Röntgen in den Behandlungsraum gebracht worden war.
Dort waren bereits zwei Pfleger dabei, ihm die Hufeisen abzunehmen. Ich war schockiert. Man sah doch wie ihm das Schmerzen bereitete. Was soll das?
Kurz darauf kam dieselbe Assistenztierärztin zu mir. Mit bedrückter Stimme erklärte sie, der leitende Oberarzt sehe weniger als fünf Prozent Chance, dass King jemals wieder schmerzfrei laufen könne.
Ich solle ihn erlösen lassen.
Ich konnte nicht glauben, was ich hörte.
Wenige Minuten zuvor hatte dieselbe Tierärztin gesagt, es sei kein Todesurteil.
Ich verlangte eine unabhängige Zweitmeinung. Diese wurde mir verweigert.
Ich bat darum, King wenigstens schmerzfrei zu stellen, damit ich ihn in eine andere Klinik bringen könnte.
Auch das wurde abgelehnt.
Meine Mutter vertraute den Tierärzten und versuchte, mich zum Einverständnis zu bewegen.
Ich war völlig verzweifelt und noch nicht bereit diesen Schritt zu gehen, ohne eine Zweitmeinung.
Ohne dass ich jemals meine Zustimmung gegeben hatte, wurde King in eine Box geführt und legte ihm einen Katheter in die Halsvene.
Vor Schock und Verzweiflung habe ich gar nicht realisiert was da geplant wurde.
Kurz darauf zog mich ein Pfleger aus der Box.
Wenige Sekunden später fiel King zu Boden und war auch schon tot. So unsanft hatte ich noch nie ein Pferd sterben sehen.
Es war einer der schlimmsten Tage meines Lebens.

Ich bekam Zweifel. Mein Gefühl sagte mir von Anfang an, dass das alles falsch war.
Einige Tage später holte ich die Röntgenbilder aus dem Tierspital. Zunächst wollte man sie mir nicht aushändigen und erklärte, sie seien Eigentum der Klinik. Ich blieb hartnäckig und drohte damit, die Rechnung nicht zu begleichen.
Schliesslich erhielt ich die Bilder und zeigte sie verschiedenen Tierärzten und Hufschmieden.
Nicht ein Einziger war der Meinung, dass King aufgrund dieser Röntgenbilder keine Chance mehr gehabt hätte.
Bis heute verstehe ich nicht, wie der leitende Oberarzt zu seinem Urteil kam. Er hatte mein Pferd nicht einmal persönlich gesehen.
Ich suchte später nochmals das Gespräch mit der Assistenztierärztin und fragte sie, weshalb sie ihre Einschätzung plötzlich geändert habe.
Sie sah mich traurig an und sagte: „Wenn mein Chef sagt, so ist es, darf ich ihm nicht widersprechen.“

Heute weiss ich, dass die Assistenztierärztin mit ihrer ersten Einschätzung recht hatte. Es war kein Todesurteil.
Wäre es gelungen, ein weiteres Absinken des Hufbeins zu verhindern, hätte King gute Chancen gehabt, wieder gesund zu werden.
In den Jahren danach habe ich mehrere Pferde kennengelernt, die deutlich stärkere Hufbeinsenkungen überlebt haben und heute wieder völlig gesund sind.
Dieser Vorfall wird mich mein Leben lang begleiten.
Und er wird immer ein Teil von mir bleiben.

Die Geschichte mit King hat mein Leben nachhaltig verändert. Nach seinem Tod begann ich, mich intensiv mit der Hufgesundheit, der Hufbearbeitung und insbesondere mit dem Thema Hufrehe auseinanderzusetzen.
Gerade in Frankreich begegnete ich immer wieder Pferden mit Hufrehe, die kaum oder gar nicht behandelt wurden. Ich machte es mir zur Aufgabe, diesen Tieren zu helfen.
Durch unzählige Stunden des Lernens, den Austausch mit erfahrenen Fachleuten und das Studium ihrer Behandlungsmethoden eignete ich mir nach und nach ein umfangreiches Wissen an. Schon bald gelang es mir, die ersten an Hufrehe erkrankten Pferde wieder gesund zu pflegen. Mit zunehmender Erfahrung konnte ich sogar Tieren helfen, deren Prognose zuvor als hoffnungslos eingeschätzt worden war.
Schliesslich sprach sich dies herum. Eine Tierärztin kontaktierte mich mehrfach, wenn sie Pferde betreute, bei denen kaum noch Hoffnung bestand. Gemeinsam arbeiteten wir an individuellen Behandlungswegen.
Seit dieser Zeit habe ich – teilweise in Zusammenarbeit mit dieser Tierärztin – kein Pferd mehr an den Folgen einer Hufrehe verloren. Auch Pferde mit einer ausgeprägten Hufbeinsenkung konnten sich wieder erholen.
Besonders eindrücklich war für mich, dass wir anhand von Röntgenbildern dokumentieren konnten, wie sich eine abgesenkte Stellung des Hufbeins im Verlauf der Behandlung wieder normalisieren konnte.
Damals wurden solche Erfolge von vielen noch als «Hokuspokus» oder als unmöglich belächelt. Heute gibt es glücklicherweise immer mehr gut ausgebildete Tierärzte, Hufschmiede und Hufbearbeiter, die mit modernen Behandlungskonzepten ähnliche Erfolge erzielen und zeigen, dass selbst schwere Hufrehefälle nicht zwangsläufig hoffnungslos sein müssen.

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