Falcon - vom Sportpferd zum Herzenspferd



Falcon hätte ein Dressurpferd werden sollen. Er wurde in Dänemark geboren und schon als Fohlen von einer schweizer Dressurreiterin gekauft. Sie liess ihn in Dänemark aufwachsen und mit gut 3 Jahren anreiten.
Er kam über Umwege in die Schweiz und landete in verschiedenen Trainingställen, da er nicht so kooperativ war, wie gewünscht.
Mit 4 Jährig stand er sogar mal in einem Stall ganz nahe bei uns. Wir lernten uns aber nie kennen. Falcon hat schon in ganz jungen Jahren gemerkt, dass er stärker als jeder Zweibeiner sein kann. Verlangte jemand etwas von ihm was er nicht wollte, setze er seine Kraft auch gegen den Menschen ein. Vor allem wenn jemand Druck auf ihn ausübte. Dann kann er sogar noch heute richtig gefährlich werden.
Er war nie ein böses Pferd. Er hat einfach gelernt sich zur Wehr zu setzen.
Er zeigt ziemlich klar, dass er nicht nur gute Erfahrungen mit Zweibeinern gemacht hat. Vor allem Männer vertraut er gar nicht. Als mit 5 klar war, dass Falcon weder ein Dressur, noch ein Springpferd werden würde, wollte seine ehemalige Besitzerin ihn loswerden. Nur ganz wenige Reiter trauten sich noch auf seinen Rücken. Als dann auch noch der letzte verunfallte musste Falcon weg.
Er landete in einem Handelsstall. Wurde dort 21 mal auf Probe verkauft und kam jedes mal zurück. Ihm ein Halfter, oder ein Zaumzeug anzuziehen war alles andere als leicht. Später wurde dann auch klar warum. Er hatte einen grünen Glassplitter im Genick.
Vermutlich wollte ihm irgend ein Trainer das Steigen abgewöhnen in dem er ihm eine Flasche über den Kopf schlug als er stieg. Die Scherbe zerschnitt ihm einen Teil des Nackenbandes. Eine Infektion führte dann dazu, dass 3/4 des Bandes bei der letzen Operation entfernt werden musste.
Die Wundhöhle musste von innen nach aussen zuwachsen. Es dauerte Monate und die Wundhöle musste täglich gespült und verarztet werden. Falcon machte recht gut mit und schaffte es tatsächlich wieder gesund zu werden. Wer es bis auf Falcons Rücken schaffte, war dann erst mal mit einem Zweibeiner, statt Vierbeiner unterwegs.
Er beherrschte das Steigen in Perfektion! Als eine Bekannte Falcon noch vor Ablauf der Probezeit zurückgeben wollte, wurde ich gefragt, ob ich ihn zurückfahren könne. Der Händler bat mich aber darum Falcon direkt zum Metzger zu bringen. Er hätte kein Interesse mehr einen Käufer für das Pferd zu suchen. Falcon wäre das grösste Minusgeschäft dass er in seiner ganzen Kariere gemacht hätte. Er hätte sowieso kein Platz mehr im Stall für ihn, da er neue Pferde bekommen hätte.
Ich schlug vor, dass Falcon in den Etzliberg kommen könne. Falcon ging zu der Zeit hinten links lahm und war schwierig im Umgang. Nach ein paar Verhandlungen und der Diagnose, dass Falcon im Fesselgelenk hinten links einen Knochensplitter hatte wurde er zum Schlachtpreis von mir gekauft und im Etzliberg wurde ein neuer Stallteil für ihn erstellt.
All seine gesundheitlichen Probleme konnten mit der Zeit behoben werden. Falcon zeigt keine Attaxie mehr, keine Lahmheit mehr hinten links und das Genick wurde 3 mal operiert und ist nun seit Jahren in Ordnung.
Er wäre ein tolles Freizeitpferd. Nur leider nicht für jedermann reitbar. Schon Zungenschnalzen kann für ihn zu viel Druck sein. Und bei zu viel Druck steigt er noch heute, wenn es ihm nicht passt. Es gab in der Vergangenheit schon mehr als genug Unfälle. Dies gilt es als oberstes Gebot in Zukunft zu vermeiden. Ich ritt ihn ca 8 Jahre Freizeitmässig. Zu der Zeit konnte sogar eine Mitreiterin mit ihm ausreiten gehen. Aber sobald ich gesundheitlich bedingt nicht mehr reiten konnte, weigerte sich Falcon das Stallareal zu verlassen. Arbeiten auf dem Viereck findet er sowieso alles andere als toll. So kam es, dass Falcon mit 15 Jahren zum Frührentner wurde. Es wäre toll jemanden zu finden, der etwas von seiner Freizeit mit Falcon verbringen möchte. Er geht liebend gerne spazieren, macht interessiert bei der Bodenarbeit und Zirkuslektionen mit und könnte theoretisch von einer guten Reiterin mit sehr viel Feingefühl und Erfahrung sogar im Gelände geritten werden. Wer sich angesprochen fühlt, darf sich gerne melden.

Als Falcon 20 Jahre alt wurde und inzwischen bereits fünf Jahre nicht mehr geritten worden war, begann seine Muskulatur langsam, aber stetig abzubauen. Auf der Weide fiel mir auf, dass er beim Traben immer wieder leicht in der Hinterhand einknickte. Die Ataxie machte sich also erneut bemerkbar.
Deshalb entschloss ich mich, seine Muskulatur wieder gezielt aufzubauen und ihn behutsam als Freizeitpferd unter dem Sattel zu bewegen. Nach der langen Pause zeigte sich Falcon erstaunlich motiviert. Zwei- bis dreimal pro Woche zu reiten schien genau das Richtige für ihn zu sein. Bereits nach wenigen Wochen war von der Ataxie nichts mehr zu sehen. Falcon baute wunderschöne Muskulatur auf – und das, obwohl er hochgradig an Cushing litt, einer Stoffwechselerkrankung, bei der Pferde häufig Mühe haben, Muskulatur zu entwickeln. Auf Falcon traf das überhaupt nicht zu.
Dennoch machte ihm die Krankheit zunehmend zu schaffen. Sein Wesen veränderte sich. Er wurde ängstlicher, schreckhafter und zeitweise auch auffallend unruhig.
m November 2023 bemerkte ich plötzlich ein stark geschwollenes Hinterbein. Zwei Tage später war die Schwellung zwar vollständig verschwunden, doch sein Gangbild war noch immer auffällig. Zunächst vermutete unser Tierarzt, Falcon habe das Bein lediglich entlastet und sich möglicherweise vertreten oder verstaucht.
Doch schon einen Tag später war für mich klar, dass etwas anderes dahintersteckte. Falcon schonte das Bein nicht – er hatte deutliche Koordinationsstörungen. Für mich waren das eindeutige Anzeichen einer Ataxie. Allerdings hatte sie sich bei ihm noch nie in dieser Form gezeigt.
Als der Tierarzt am Nachmittag erneut kam, waren die neurologischen Ausfälle bereits deutlich sichtbar. Ich machte mir grosse Sorgen. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Falcon niemals unnötig leiden lassen würde. Tierschutz bedeutet für mich auch, ein Tier dann loszulassen, wenn sein Leiden überwiegt.
Unser Tierarzt machte mir dennoch Hoffnung. Vielleicht, meinte er, könnte auch eine starke Nervenentzündung hinter den Symptomen stecken. Deshalb versuchten wir eine Behandlung mit hoch dosierten Entzündungshemmern. Leider zeigte die Therapie keinerlei Wirkung.
Am nächsten Morgen wusste ich, dass der Zeitpunkt gekommen war. Falcon konnte nicht mehr geradeaus gehen, sondern bewegte sich nur noch im Kreis. Er war völlig gestresst, fand keine Ruhe mehr und konnte kaum noch stillstehen. Es war offensichtlich, dass er sich in seinem eigenen Körper nicht mehr zurechtfand.
Wir vermuten, dass die Ursache dieser plötzlich so ausgeprägten Ataxie sein Tumor im Bereich der Hirnanhangsdrüse war – die Veränderung, welche auch seinem Cushing zugrunde lag. Solche neurologischen Symptome sind zwar selten, können aber in einzelnen Fällen auftreten. Eine sichere Gewissheit werden wir nie haben, doch vieles sprach dafür.

So musste ich erneut Abschied von einem ganz besonderen Seelenpferd nehmen.

Falcon hat mir gezeigt, wie viel Geduld, Vertrauen und Verständnis ein Pferd braucht, das in seinem Leben viele schlechte Erfahrungen gemacht hat. Hinter seiner Kraft und seiner Wehrhaftigkeit steckte kein böses Pferd, sondern sanftmütiges, liebenswetes Wesen was gelernt hatte sich zu schützen. Umso dankbarer bin ich, dass er im Etzliberg noch viele Jahre erleben durfte, in denen er einfach Pferd sein konnte – ohne Erwartungen, ohne Leistungsdruck und mit Menschen an seiner Seite, die ihn so akzeptierten, wie er war.

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