Amigo - ein kleiner Kerl mit grossem Ego


Amigo lebte von 2002 bis zu seinem Tod im Februar 2015 bei uns im Etzliberg.
Er war unser kleiner schwarzer Hengst. Als er 2002 bei uns einzog, merkte man ihm sein Hengstsein noch deutlich an. Mit den Jahren wurde er jedoch immer ruhiger und umgänglicher.
Vor seiner Zeit bei uns lebte Amigo im Zürcher Friesenberg zusammen mit zwei Eseln. Als diese den Stall verlassen mussten, brauchte auch Amigo ein neues Zuhause. Für einen älteren, ziemlich unerzogenen Shetlandhengst war das alles andere als einfach. Seine Besitzerin Regula war schon fast am Verzweifeln, denn niemand wollte ihrem kleinen Kerl einen Platz anbieten.
Die meisten Pensionsställe nehmen keine Hengste auf – und erst recht keine Shetlandhengste.
Shetlandponys gelten schliesslich als wahre Ausbruchskünstler. Damit sie sicher untergebracht sind, braucht es stabile und gut gesicherte Zäune. Und bei einem Hengst darf es auf keinen Fall passieren, dass er sich selbstständig auf den Weg macht.
Als Regulas Kündigungsfrist immer näher rückte und noch immer kein neuer Stall in Sicht war, entschieden wir uns, Amigo bei uns im Etzliberg auf Probe aufzunehmen.
Schon nach 3 Tagen hatten alle Etzliberger Pferde aufgeschlagene Beine, Bissverletzungen und dicke Sehnen, weil der kleine Kerl die Grossen in die Beine biss.
Auch mein Team und ich trugen einige Blessuren davon.
Ein Zustand den ich meiner Herde und uns eigentlich nicht zumuten wollte. Als ich das Regula mitteilte war sie geschockt. Dann müsse Amigo definitiv zum Schlachter, denn sie könne ihn nicht mehr zurück bringen und hätte auch keine andere Lösung.
Na gut. Das wollten wir logischerweise auch nicht. Ich stellte aber klar, dass der unezogene Bengel blitz schnell Anstand lernen müsse.
Was dann auch viel Arbeit war. Wenigstens waren wir erfolgreich.
Amigo machte es uns anfangs nicht gerade leicht. Er war ein richtiges kleines Stinktier.
Auch die Grosspferde waren zunächst wenig begeistert von ihrem neuen Mitbewohner. Obwohl Amigo mit seinen gerade einmal 82 cm Stockmass der Kleinste von allen war, war er überzeugt, der Chef der Herde zu sein – und versuchte jedem zu zeigen, wo es langgeht.
Es dauerte eine ganze Weile, bis die Rangordnung geklärt war und wieder Ruhe einkehrte.
Mit der Zeit verschwanden jedoch sämtliche Anfangsprobleme. Auch im täglichen Umgang wurde Amigo immer entspannter. Schliesslich konnte man ihm problemlos das Halfter an- und wieder ausziehen – etwas, das zu Beginn kaum vorstellbar gewesen wäre.
Bis auf sein letztes Lebensjahr wurde Amigo mehrmals pro Woche von Regula spazieren geführt.
Irgendwann wollte er jedoch nicht mehr mit. Seine von Arthrose gezeichneten Beine machten ihm zunehmend zu schaffen, und längere Spaziergänge wurden für ihn zur Belastung.
Auf einem Auge war Amigo vollständig blind – vermutlich als Folge eines Unfalls. Das andere Auge machte ihm ebenfalls immer wieder Probleme. Wiederkehrende Entzündungen führten dazu, dass er am Ende seines Lebens nur noch sehr wenig sehen konnte.
Trotzdem fand er sich erstaunlich gut zurecht.
Erst als zusätzlich auch sein Gehör immer schlechter wurde, zog er sich häufiger zurück. Mit seinen Freunden Lord und Pepino hatte er jedoch zwei ruhige Gefährten an seiner Seite, bei denen er sich stets sicher und wohlfühlte.
Schliesslich setzte ihm sein von Arthrose gezeichneter Körper immer mehr zu.
Schliesslich war er 39 Jahre alt.

Eines Tages erhielten wir von Regula eine WhatsApp-Nachricht. Darin teilte sie uns mit, dass Amigo tot vor dem Stall liege und am nächsten Tag abgeholt werde.
Wir waren geschockt.
Nicht darüber, dass sie sich entschieden hatte, Amigo gehen zu lassen. Zwar kam der Zeitpunkt für uns überraschend, weil es ihm gerade wieder etwas besser zu gehen schien. Doch Amigo war ihr Pony, und selbstverständlich respektierten wir ihre Entscheidung.
Was uns jedoch sehr traurig machte, war die Tatsache, dass wir nach all den gemeinsamen Jahren keine Möglichkeit mehr hatten, uns von ihm zu verabschieden.
Wir hätten es vollkommen verstanden und akzeptiert, wenn Regula den letzten Weg mit ihrem Amigo ganz alleine hätte gehen wollen. Das wäre ihr gutes Recht gewesen, und wir hätten sie selbstverständlich in Ruhe gelasen.
Dass wir jedoch erst nach seinem Tod davon erfuhren, empfanden wir als sehr schmerzhaft und enttäuschend. Nach all den Jahren, die Amigo bei uns im Etzliberg gelebt hatte, und wir uns intensiv um ihn gekümmert hatten, hätten wir uns gewünscht, ihm wenigstens noch ein letztes Mal Lebewohl sagen zu dürfen.

Der Verlust eines Tieres ist immer schmerzhaft.

Gleichzeitig tröstet uns der Gedanke, dass Amigo trotz seiner vielen gesundheitlichen Probleme noch viele schöne Jahre im Etzliberg verbringen durfte. Er war von seiner Regula innig geliebt und wurde auch von uns allen ins Herz geschlossen.

Aus dem kleinen, eigensinnigen Hengst wurde ein fester Bestandteil unserer Herde – und ein Pony, das wir nie vergessen werden.

Mach's guet, Männli. Mir wärdet di nie vergässe. ❤️