Amadeus - unser Maus

1997
entstand der erste Stall im Etzliberg – ein kleiner
Unterstand mit einer winzigen Sattel- und Futterkammer
sowie einem Auslauf davor.
Er sollte das zukünftige Zuhause von Largo werden. Doch
Largo konnte nicht alleine sein, und niemand wollte sein
Pferd zu ihm stellen. Also musste ein zweites Pferd her.
Die einzige Bedingung war, dass es nicht zu gross sein
durfte, da die zweite Box lediglich für ein Pony oder
Kleinpferd geeignet war. Ansonsten spielte es keine Rolle,
ob das Pferd noch reitbar war oder nur noch als Beisteller
infrage kam.
Wir schauten uns verschiedene Pferde aus Inseraten an,
doch keines passte. Bis eines Tages eine Ponyreitschule
anrief und sagte: «Ruf doch einmal dort an.»
So lernten wir Amadeus kennen.
Von seiner Grösse und auch preislich bewegte er sich
bereits an unserer absoluten Obergrenze. Beim Proberitt
machte er kurzen Prozess mit mir. Keine Minute nach dem
Aufsteigen lag ich bereits im Dreck – oder genauer gesagt
mitten in einem frischen Bollenhaufen. Igitt! 😉
Trotzdem war für mich sofort klar: Der kommt mit!
Dafür wurde sogar das «Grosikonto» geplündert, und auch
meine Mutter Ines beteiligte sich finanziell.
Von Anfang an nannten wir ihn nur noch Maus.
Abgeleitet von Amadeusli, "mäusli". Er war aber kein
"Mäusli", sondern eine ausgewachsene Maus!
Maus war ein unglaubliches Energiebündel. Ein
wunderschönes, wenn auch noch etwas zerzaustes und
unbemuskeltes Endmasspony mit hervorragenden Gängen und
einem riesigen Springvermögen. Eigentlich das perfekte
Juniorenpony – wäre da nicht seine Vorliebe gewesen,
einfach loszustürmen und gelegentlich mit seinem Reiter
durchzubrennen.
Doch bereits zwei Monate nach dem Kauf ging er zum ersten
Mal leicht lahm.
Von da an begann ein langes Auf und Ab, bis schliesslich
die Diagnose feststand: hochgradige Veränderungen am
Strahlbein. Dafür lief er eigentlich viel zu
gut wie man in der Klinik meinte.
Trotzdem empfahl man mir sogar, ihn einschläfern zu
lassen.
Für mich kam das jedoch nicht infrage. Noch nicht!
Solange Maus keine all zu starken Schmerzen hatte und sein
Leben lebenswert war, durfte er bei uns bleiben – auch
wenn er nie wieder geritten werden könnte. Aber natürlich
musste sich sein Zustand verbessern.
Es gab Zeiten, in denen cih dem Abschied sehr nahe waren.
Keine Behandlung schien dauerhaft zu helfen. Doch ich
begann, mich intensiv mit Hufstellungen, Hufmechanik und
verschiedenen Beschlagsarten auseinanderzusetzen. Ich
probierte alles aus, was sinnvoll erschien.
Der Erfolg liess jedoch lange auf sich warten.
Schliesslich blieb noch eine letzte Idee: Maus sollte
barhuf laufen.
Es wäre gelogen zu behaupten, ich hätte genau gewusst, was
ich tat. Ich hatte eine Theorie, viel Literatur gelesen
und war einfach entschlossen, nichts unversucht zu lassen.
Gemeinsam mit einem hervorragenden Huforthopäden besprach
ich anhand der Röntgenbilder das weitere Vorgehen. Danach
begann ich, seine Hufe selbst zu bearbeiten.
Und tatsächlich…
Bereits einen Tag nach der ersten Bearbeitung war eine
deutliche Verbesserung sichtbar.
Anfangs musste ich seine Hufe etwa alle fünf Tage
nachbearbeiten. Doch schon nach wenigen Wochen lief Maus
wieder vollkommen gerade. Bald konnten wir sogar wieder
vorsichtig mit kurzen Ausritten beginnen.
Viele Jahre lang wurde er wieder freizeitmässig geritten –
immer mit Bedacht, auf guten Böden und nur dort, wo es
seinen Hufen/Beinen guttat.
Mit 30 Jahren hätte ihm niemand sein Alter angesehen.
Erst mit etwa 35 begann man ihm die Jahre langsam
anzusehen. Trotzdem war er noch immer erstaunlich fit.
Geritten wurde er in diesem hohen Alter allerdings nicht
mehr.
In der Herde war Maus bestens integriert.
Nur Lou machte ihm gelegentlich das Leben etwas schwer.
Doch Maus hatte schnell herausgefunden, dass man sich
während Lous schlechter Laune am besten hinter einem
Menschen oder hinter Simpa in Sicherheit brachte.
Vor allem mit Simpa verband ihn eine enge Freundschaft.
Deshalb fiel ihm auch dessen Abschied sichtlich schwer.
Später zog Nismo in den Etzliberg ein. Es war wunderschön
zu beobachten, wie respektvoll der junge Wallach unserem
alten Opa begegnete.
Zu dieser Zeit machte Maus sein linkes Vorderknie –
genauer das Karpalgelenk – etwas zu schaffen. Man merkte,
dass es nicht mehr ganz belastbar war. Trotzdem war er
lebensfroh, aufmerksam und voller Freude.
Einen Tag vor seinem Tod, im März 2023, durften die Pferde
noch einmal auf die Weide.
Und Maus?
Er gab noch einmal richtig Gas.
Mit erhobenem Schweif und stolz getragenem Kopf schwebte
er beinahe wie ein Araber über die Weide. Wir schauten ihm
lachend zu und sagten noch: «Langsam sieht man ihm sein
Alter zwar an... aber wenn das so weitergeht, müssen wir
bald seinen 40. Geburtstag planen.»
Für uns bestand überhaupt kein Zweifel daran, dass wir
seinen 40igsten Geburtstag gemeinsam feiern würden.
Am Abend sassen wir im Wohnwagen, tranken Tee und
plauderten.
Da kam meine Mutter herein und sagte: «Martina, schau bitte später noch
einmal nach Maus. Ich habe das Gefühl, irgendetwas stimmt
nicht.»
Als ich nach ihm sah, wirkte er einfach etwas müde. Sonst
schien alles in Ordnung zu sein. Ich liess ihn in Ruhe
sein Heu fressen und ging zurück.
Etwa eine halbe Stunde später schaute ich erneut nach ihm.
Da merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte.
Obwohl noch Heu in seiner Heuboxe lag, stand er ruhig im
eingestreuten Teil des Stalles und blickte zur Wand.
Als ich zu ihm ging, legte er sich hin. eIch setzte mich neben ihn auf
den Boden.
Dann geschah etwas, das er in all den Jahren noch nie so
getan hatte.
Ganz ruhig legte er seinen Kopf in meinen Schoss und ich sass einfach bei ihm.
Zwischendurch hatte ich immer wieder das Gefühl, nun würde
er aufhören zu atmen. Dann wurde er doch nochmals etwas
unruhig, stand zweimal auf und legte sich wieder hin.
Ich war hin- und hergerissen. Er wirkte nicht, als hätte er
Schmerzen. Er wirkte einfach unendlich müde.
Als er ein weiteres Mal aufstehen wollte, schaffte er es
nicht mehr alleine. Das belastete ihn sichtbar.
In diesem Moment wurde mir klar, dass seine Zeit wohl
gekommen war und ich rief schweren herzens unseren unseren Tierarzt an.
Während wir warteten, dachte ich mehrmals, Maus würde
schon vor dessen Ankunft friedlich einschlafen. Er lag
ganz ruhig da.
Auch für unseren Tierarzt war die Situation eindeutig.
Als er kurz zum Auto ging, um das Material zu holen,
wollte Maus jedoch noch ein letzztes Mal aufstehen.
Zu viert halfen wir ihm dabei und stützten ihn.
Für einen kurzen Augenblick keimte Hoffnung in mir auf.
Vielleicht doch nur ein Kreislaufzusammenbruch?
Doch schon Sekunden später war klar: Nein. Seine Kräfte verliessen ihn.
So liessen wir ihn in Frieden gehen.
In dieser Nacht blieb Maus bei uns im Stall. Wir und auch
die anderen Pferde hatten die ganze Nacht Zeit, in Ruhe
Abschied von ihm zu nehmen.
Heute ist
Pfüdi der Letzte des ursprünglichen Trios, das damals von
der Rüti in den Etzliberg gezogen ist.
Nun trägt er die ehrenvolle Aufgabe, unser Stall-Uropa zu
sein.